Croisière des Corsaires

127 Kilometer in 30 Stunden von Dinan nach Messac. Wir werden 57 Schleusen und verschiedene sehr niedrige Brücken passieren. Ein Erlebnis zu "fünft": Bea, Elisabeth, Jean-Pierre und Sabine. Ich habe noch meine "Kappithän-Mütze" von unserer Fahrt auf dem Kanal de Midi (2004, Narbonne - Carcassone, 87 Km, 43 Schleusen, 23 Stunden Fahrtzeit)

Wir starten auf dem Canal d´Ille-et-Rance in Dinand. 1804 unter Napoleon I. begonnen, um die englische Seeblockade zu umgehen. Was für eine Koincidence - der Nordkanal in Neuss wurde aus gleichem Grunde geplant. 1814 wurden die Arbeiten eingestellt. In der zeit von 1822 bis 1832 wurden die Arbeiten von einer privaten Gesellschaft beendet. An der Schleuserhäuschen kann man den Unterschied in der Finanzierung erkennen: im 2. Bauabschnitt sind sie deutlich kleiner. Wir übernehmen das Boot am Montag den 18.6. um 17:00. Nach Einweisung, Probefahrt und Boot beladen ist es 19:30, Zeit zu essen. Im Hafen finden wir das passende Restaurant. 

Dienstag, den 19.6.: Dinand ist eine sehr schöne alte Stadt. Sie befindet sich auf einem Hügel von dem das Rancetal eingesehen werden kann. Wir besichtigen die Stadt, so dass wir erst am Dienstag den 18.6. um 14:14 unsere Fahrt beginnen. Die Schleusen sind nur von 09:00 - 12:30 und 13:30 - 19:00 geöffnet. In den nächsten Tagen bestimmten sie unseren Tagesrhythmus. So schon am ersten Tag, denn um 16:30 wird uns erklärt, "die nächste Schleuse erreichen Sie nicht mehr rechtzeitig", d.h. sie können auch hier bleiben. Das war bei PK 67 vor Evran.

Mittwoch, den 20.6.: Wir starten um 09:30 nach dem Frühstück und fahren bis St. Domeneuc (PK 59). Ein Ausflug zu Fuß zum Château de la Bourbansais, Besichtigung und wieder zurück und schon sind es 17:00. Kein Wunder das wir nur bis PK51 kommen: 18:59 Schleuse geschlossen. Gegenüber dem Zeitplan gemäß Reederei sind wir fast einen Tag bereits zu spät. Schauen wir mal! Uns gefällt es und wir machen uns nicht wirklich Sorgen. Ach ja, es ist bereits der zweite Tag ohne Internet und Email, vielleicht gewöhne ich mich doch daran.

Donnerstag 21.6., um 09:03 starten wir im Sonnenschein. Tinténiac (Festung von Montmoran) lassen wir wie die Sonne rechts liegen. Es regnet plötzlich in Strömen. Bretagne!  Die ersten 3 der 11-stufige Schleuse erklimmen wir im Regen. Vor uns eine der wenigen noch erhaltenen und fahrenden Peniche. Heute wird sie genutzt um mit Kindergarten und Schulkindern eine Ausflug zu machen. Wir machen Mittagspause bei Hédé. Die Besichtigung fällt wegen strömenden Regen aus. Es soll eine malerischer Ort mit engen Gässchen und hängenden Gärten sein, das von einer Burgruine aus dem Mittelalter überragt wird. Punkt 14:10 geht es mit Sonnenschein weiter. Bis zu den Schleusen 10 und 11 wechselt das Wetter mindestens 3 Mal: Von Sonne zu heftigen Regen um wieder mit dauerhafter Sonne weiterzumachen. An den  Schleusen 10 und 11 ist der Strom ausgefallen. Der Schleusenwärter muss die Hydraulikpumpe für den Notfall einsetzen. Dabei können wir einen handfesten Streit zwischen Schleusenwärter und Besitzers eines Gites (ehemaliges Schleusenwärterhäuschen) beobachten. Weiter geht es auf  der 7 Kilometer langen Wasserscheide (Bief de partage) des Kanals. Ab jetzt wird abwärts geschleust. Wegen einem Missverständnis unter den Schleusenwärter dürfen wir uns an Schleuse "Villemorin" knapp 1 Stunde in Geduld üben, bis es weiterging. Dafür durften wir jedoch noch 6 weitere Schleusen nehmen. Bei Schleuse "Haute Roche" passe ich einen Moment nicht auf und verliere ich meine "Kappithän-Mütze", als ich mit dem Kopf vor die niedrige Brücke donnerte. Schnell gebrachte Eiswürfel mindern die Beulenentwicklung. Kurz vor Kilometer 30 bei Montreuil-sur Ille endet unsere Fahrt für heute.

Geburtstag, ein schöner Tag beginnt. Über St. Médard Sur Ille, St.-Germain-sur-Ille (beide nicht gesehen) und Betton (nicht zu empfehlen) beeilen wir uns, am späten Nachmittag noch Rennes (1) zu erreichen.  In Saint-Germain-sur-Ille existiert heute noch eine Schreinerei, die 2 bis 3 Schleusentore  im Jahr herstellt. Sie werden im Winter eingebaut, wiegen 3 Tonnen und halten knapp 35 Jahre. Geschafft! Unsere heutige letzte Schleuse "Le Mail" ist auch die zuletzt in 1832 fertiggestellte. Wir liegen am Quai St.Cyr; die letzten duschen noch und dann ab ins Getümmel. Nach Pierrefitte und ein paar Tagen auf dem Boot sind wir die Autos, die vielen Leute, den Krach fast nicht mehr gewohnt. Nach wenigen Minuten haben wir uns daran gewöhnt und genießen die Atmosphäre. Galettes und Crepes werden zum Cidre bestellt. Wunderbar, haben wir lange nicht mehr so authentisch gegessen. 2002 waren wir das letzte Mal in der Bretagne. Am Abend in habe ich mir noch Deutschland - Griechenland in einer Kneipe gegönnt, 4:2 "wir" sind im Halbfinale. Nach dem man mich schon lange mit "Haben Sie mal Feuer" anspricht, bekam ich mein Bier doch zum ersten Mal mit "Voilà Messieurs" serviert. Ich werde mich dran gewöhnen.

Samstag, den 23. Juni: einkaufen auf dem Markt von Rennes und endlich mal wieder Email über WLAN abrufen. Herzlichen Dank für die vielen Glückwünsche. Wir kaufen Fische bei einem der 12 Fischhändle auf dem Markt. Melonen, Pflanzen und und.... ein. Bei unsere Rückkehr zum Boot bemerken wir wie der Kanalbereich in dem angelegt haben, abgesperrt wird. Auf Nachfragen erfahren wird, dass die Sperrung bis zum Abend wegen der Kanuregatta andauern wird. Fluchtartig verlassen wir Rennes und kommen am über Pont-Réan (2) am Abend in Bourg-des-Comptes an. Jetzt sind wir auf der Vilaine (3) und unsere Kanalfahrt hat sich in eine Flussfahrt  verwandelt. Die Vilaine ist deutlich breiter als der Kanal. Überraschung am Abend Fétés des Musique, 4 Bühnen keine 50 Meter von unserem beleuchteten Anlegeplatz. So muss kreuzfahren sein, wenn die grossen Boote in den Häfen begrüßt werden. Wir genießen das Fest.

Die Wassermühlen an der Vilaine sind wie die meisten der 5000 Mühlen in der Bretagne aufgegeben, teilweise in privatem Besitz. Am nächsten Morgen, Jean-Pierre hat Baguetes, Croissants und Pain au Chocolat beim Bäcker gekauft. Nach dem Frühstück Abfahrt im Nieselregen. Wir sind schneller als geplant, die letzte Schleuse vor unserem Zielhafen Messac passieren wir um 11:15. Jetzt haben wir noch knapp 8 Kilometer vor uns und unsere Kanalfahrt 2012 wird beendet sein. Ich springe jetzt unter die Dusche, um rechtzeitig zum Mittag fertig zu sein. Messac ist die Wiege der Kartoffeln in Frankreich. Sie wurde hier zum ersten Mal 1771 vom Abt Vincent Cawiesel angepflanzt. Nach dem Essen Abmarsch von Jean-Pierre und mir zum Bahnhof. Mit der SNCF für 19,60 € pro Person nach Dinand, anstelle von 300 € für das Taxi. Messac - Rennes - Dole de Bretagne - Dinand. Abmarsch zum Hafen und mit beiden Autos zurück nach Messac. Gemeinsames Abendessen ....

(1) Rennes
Hauptstadt der Bretagne, liegt am Zusammenfluss von zwei Flüssen: der Ille und der Vilaine. Der römische Name lautet Condate - Zusammenfluss.

(2) Pont-Réan
Wichtiger alter Transportweg zwischen Rennes und Redon. Ab dem 17. Jh. existierte eine Holzbrücke, die wegen Unrentabilität aufgegeben wurde. Die heutige Stein- und Schieferbrücke stammt aus dem Jahr 1757.  

(3) Vilaine
Die Vilaine (229 km Länge, ist durch 15 Schleusen auf 139 km schiffbar) war nach dem Lot der zweite kanalisierte Fluss Frankreich, und schon 1542 fuhr das erste Schiff von Redon nach Rennes. Die heutigen Schleusen, Mühlen und Sperrwehre stammen aus dem 18. Jh. 

© Thomas W. Grünschläger 2012 - 2016